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Wissenswertes

5 Tage Extra-Urlaub? Was Sie über Bildungsurlaub in Deutschland wissen müssen

In Deutschland existiert ein bemerkenswertes Paradoxon: Rund 77 % der Arbeitnehmer äußern in Umfragen Interesse an Weiterbildungen, die über ihre aktuelle Jobbeschreibung hinausgehen. Doch obwohl in fast ganz Deutschland ein gesetzlicher Anspruch auf bezahlte Bildungsfreistellung besteht, nutzen jährlich nur etwa 1 bis 2 % der Berechtigten dieses Recht.

Dabei ist der Bildungsurlaub (in einigen Bundesländern auch „Bildungszeit" oder „Bildungsfreistellung" genannt) eine Art „geheimer Bonus". Es handelt sich um einen gesetzlich verankerten Anspruch auf bezahlte Freistellung, der zusätzlich zum regulären Erholungsurlaub gewährt wird. Während dieser Zeit zahlt der Arbeitgeber das Gehalt weiter, damit sich Beschäftigte beruflich, politisch oder sogar kulturell weiterentwickeln können.

Viel mehr als nur staubige Seminare

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass Bildungsurlaub zwingend einen direkten Bezug zur aktuellen Tätigkeit haben muss. Das Gesetz fasst den Begriff der „beruflichen Bildung" weit: Er umfasst alles, was die Teilhabe am Arbeitsleben und die Anpassungsfähigkeit an den gesellschaftlichen Wandel fördert. Anerkannt sind daher auch Formate wie Stressbewältigung, Yoga oder – ein Klassiker der Kuriositäten – die „Vogelbeobachtung auf Helgoland".

Warum ist beispielsweise ein Kurs zur Burnout-Prävention für einen IT-Profi genauso wertvoll wie eine technische Schulung? In einer hochgradig digitalisierten Arbeitswelt ist mentale Resilienz eine Kernkompetenz. Ein Stresspräventionskurs fördert die langfristige Leistungsfähigkeit und schützt vor gesundheitsbedingten Ausfällen.

„Bei 72 % der Befragten, die Bildungsurlaub im Bereich ‚Gesundheit, Sport, Erholung' gemacht haben, hat sich ihr gesundheitlicher Zustand in der Folge verbessert."

Der Fiskus zahlt mit – Der Steuer-Hack für Fortgeschrittene

Ein wesentlicher Vorteil für Arbeitnehmer ist die steuerliche Komponente. Sofern ein beruflicher Bezug besteht, können die Kosten für den Bildungsurlaub als Werbungskosten in der Steuererklärung geltend gemacht werden. Da der Arbeitgeber in der Regel zwar das Gehalt weiterzahlt, aber nicht die Kursgebühren übernimmt, ist dies eine entscheidende finanzielle Entlastung.

Präzise lassen sich folgende Kosten absetzen:

  • Seminargebühren und notwendige Unterrichtsmaterialien
  • Reisekosten für die An- und Abreise (Kilometerpauschale oder Ticketkosten)
  • Verpflegungsmehraufwand während der Kurstage
  • Unterkunftskosten am Seminarort

Experten-Tipp: Lassen Sie sich von Ihrem Arbeitgeber kurz schriftlich bestätigen, warum der Kurs für Ihre berufliche Entwicklung nützlich ist. Ein solcher Nachweis erhöht die Akzeptanz beim Finanzamt erheblich. Selbst Yoga-Kurse sind nach einem Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg (Az. 10 Sa 2076/18) absetzbar, da sie die Selbstbehauptung im sozialen und technischen Wandel fördern.

Lernen, wo andere Urlaub machen

Bildungsurlaub ermöglicht es, Intensivsprachkurse an attraktiven Standorten weltweit zu absolvieren. Ob Spanisch in Valencia, Englisch in Brighton oder Dublin oder eine Ausbildung zum Design Thinking Coach in Uganda – die Auswahl ist riesig.

Dabei gilt eine strikte formale Voraussetzung: Der Kurs muss im jeweiligen Bundesland des Arbeitsplatzes (nicht des Wohnortes!) offiziell anerkannt sein. Für Pendler ist dies entscheidend: Wer in Bayern wohnt, aber in Hessen arbeitet, hat Anspruch nach hessischem Recht. In Hessen gibt es jedoch eine Besonderheit: Fachkurse müssen dort zusätzlich zu mindestens 20 % gesellschaftspolitische Themen behandeln, um anerkannt zu werden.

Die Vielfalt der anerkannten Formate ist beeindruckend:

  • Sprachen: Intensivkurse weltweit (Spanien, UK, Malta, Irland)
  • Management & IT: Design Thinking, Mediation oder Coding-Bootcamps
  • Persönlichkeit: Kommunikationstrainings in Hamburg oder Resilienz-Workshops in Klöstern

Die „Postleitzahlen-Lotterie" – Wer Anspruch hat (und wer nicht)

Da Bildungsurlaub Ländersache ist, hängen Dauer und Anspruch von Ihrem Arbeitsort ab. Während die meisten Länder großzügige Regelungen haben, schauen Arbeitnehmer in Bayern und Sachsen gesetzlich komplett in die Röhre.

BundeslandDauer des AnspruchsBesonderheiten
Baden-Württemberg5 Tage pro JahrAntrag 9 Wochen vorher
BayernKein Anspruch
Berlin10 Tage in zwei JahrenSeit 2021 „Bildungszeit"
Hessen5 Tage pro Jahr20 % Polit-Anteil bei Fachkursen
NRW10 Tage in zwei Jahren
SachsenKein Anspruch
Niedersachsen5 Tage pro JahrÜbertragung auf Folgejahr möglich
Rheinland-Pfalz10 Tage in zwei JahrenGilt auch für Landesbeamte

Die psychologische Hürde und das Recht des Arbeitgebers

Bevor Sie Ihren Kurs buchen, müssen zwei formale Hürden genommen werden: Erstens die Wartezeit – Sie müssen in der Regel seit mindestens sechs Monaten im Unternehmen beschäftigt sein. Zweitens die Fristen – Anträge müssen rechtzeitig eingereicht werden, in Baden-Württemberg etwa neun Wochen vor Kursbeginn, in den meisten anderen Ländern spätestens sechs Wochen vorher.

Der Arbeitgeber darf den Antrag nur in engen Grenzen ablehnen:

  • Dringende betriebliche Belange (z. B. Hochsaison oder Personalnotstand)
  • Urlaubsüberschneidungen mit anderen Kollegen
  • Die 10-Prozent-Quote (wenn bereits 10 % der Belegschaft Bildungsurlaub genutzt haben)
  • Kleinbetriebsklausel (oft keine Pflicht bei < 10 oder < 20 Mitarbeitern)

Besonders aufschlussreich ist die psychologische Barriere. Die NEPS-Studie (Rüter et al., 2020) untersuchte die Einführung des Bildungszeitgesetzes in Baden-Württemberg und stieß auf ein alarmierendes Ergebnis: Trotz des neuen Rechtsanspruchs sanken die Teilnahmequoten bei jüngeren Erwachsenen und Migranten statistisch sogar ab. Die Forscher vermuten dahinter die Angst vor informellen Nachteilen. Wer sein Recht offensiv einfordert, fürchtet oft, als weniger belastbar wahrgenommen zu werden oder gegen die Interessen des Unternehmens zu handeln.

Fazit: Ein Tool für das 21. Jahrhundert

Bildungsurlaub ist kein bloßes „Urlaubs-Gadget", sondern ein notwendiges Instrument für lebenslanges Lernen und mentale Gesundheit. In einer Arbeitswelt, die sich durch KI und Digitalisierung rasant wandelt, ist die kontinuierliche Weiterentwicklung – auch abseits des Kerngebiets – die beste Versicherung für die eigene Marktfähigkeit.

Wenn Ihr Arbeitgeber Ihnen fünf Tage bezahlte Zeit schenkt, um über den Tellerrand hinauszuschauen – welches Thema würden Sie wählen, um nicht nur beruflich, sondern auch persönlich zu wachsen?